Zum Verweilen

"Brannte nicht unser Herz in uns?"
Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.

(Lukasevangelium 24,31-32)

Sie müssen sich sehr einsam und verlassen gefühlt haben, die beiden Jünger, die Jerusalem den Rücken gekehrt hatten und sich auf dem Weg nach Emmaus befanden. Was hatten sie in den letzten Wochen und Tagen auch nicht alles erlebt! Jesus, dem sie folgten und dem sie vertrauten, war einen ganz anderen Weg gegangen als sie sich erhofft hatten. Jesu letztes Passafest in Jerusalem endete am Kreuz. "Jesus!"

Und was blieb von den großen Erwartungen und aller Hoffnung? Alles nur Gerede? Alles nur eine schöne Idee vom Reich Gottes? Die beiden Jünger wussten nicht, was sie von all dem halten sollten. Sie brauchten erstmal Abstand von den Geschehnissen. Auch die Nachricht einiger Frauen, sie hätten ein leeres Grab vorgefunden, konnte sie an diesem Morgen nicht mehr zurückhalten, und so verließen sie die Stadt und machten sich auf den Weg. Auf diesem Weg waren sie keineswegs so einsam und verlassen, wie sie vielleicht meinten. Ein Fremder kam und ging mit ihnen.
Er schien von dem Geschehenen nichts zu wissen. So berichteten die Jünger, was sie wussten. "Habt ihr denn immer noch nicht verstanden?" entgegnete ihnen daraufhin der Fremde und begann, ihnen die Schrift auszulegen. Doch noch immer erkannten sie ihn nicht. Als es Abend geworden war, kamen sie nach Emmaus und baten den Fremden, bei ihnen zu bleiben. So saßen sie abends gemeinsam zu Tisch. Und als der Fremde das Brot brach und die Segensworte sprach, da erkannten sie ihn: Es war Jesus selbst, der mit ihnen gegangen war. Und in dem Moment, in dem sie ihn erkannten, war er auch schon verschwunden. Sie waren sich aber ganz sicher, dass er es war. Und sie machten sich zurück auf den Weg nach Jerusalem und vertrauten mit brennendem Herzen darauf: "Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden."

Die Erzählung von den Emmausjüngern ist für mich eine der schönsten Ostergeschichten. Auch wenn hier von keinem leeren Grab die Rede ist und kein Engel uns die Auferstehung Jesu verkündet, höre und spüre ich doch, was Ostern bedeutet.
Ostern bleibt immer auch eine Zumutung. Der Glaube an etwas, das ich so gar nicht erklären kann, lässt mich auch in meinem Leben innerlich immer wieder weglaufen und dem Ganzen den Rücken kehren. Es beruhigt mich zu hören, dass es auch den Jüngern vor 2000 Jahren ähnlich erging.
Es geschehen aber wohl immer wieder Dinge, die uns verstehen lassen, die unsere Herzen brennen und uns vertrauen lassen. Das ist eine Erfahrung, die ich ebenfalls mit den Jüngern teilen kann. Nicht allein die Schriftauslegung während des Fußweges lässt sie erkennen, wer der Fremde ist, sondern erst das sich anschließende gemeinsame Mahl am Abend öffnet ihnen die Augen.
Wir müssen wohl beides tun, um die Osterbotschaft in unserem Leben wahr- und aufnehmen zu können: die Schrift lesen, sie mit unserem Leben in Verbindung bringen und uns gegenseitig von unserem Glauben erzählen.

Doch allein beim Reden kann es nicht bleiben.
Erst im gemeinsamen Erleben, Handeln und Feiern können wir erfahren, dass Jesus tatsächlich gegenwärtig ist, auch heute noch.
Erst, wenn wir unseren Glauben leben, dann können wir auch spüren, dass wir nicht allein gelassen sind. Jesus ist mitten unter uns, er begleitet uns auf unserem Weg.
Und manchmal, wenn wir uns dessen ganz sicher sind und ihn schon förmlich erkannt zu haben meinen, dann ist er auch schon wieder verschwunden. Aber vielleicht gehört auch das gerade dazu?

Steffen Held, Pfarrvikar


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